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Warum heißt die Peter-Bamm-Halle eigentlich Peter-Bamm-Halle ?

Als der Rat der ehemaligen Gemeinde Hochneukirch am 09.09.1974 beschloss, die neue Mehrzweckhalle, die auf dem Gelände des früheren Wilhelm-Helenen-Stiftes errichtet wurde, auf den Namen Peter Bamm zu taufen, kannten viele Bürger unseres Ortes diesen Namen gar nicht.

Trotzdem wurde Peter Bamm einer der ganz Großen, seine Bücher brachten ihm Weltruhm ein.

Wer war Peter Bamm ?

Peter Bamm, der mit bürgerlichem Namen Dr. Curt Emmerich hieß, wurde am 20.10.1897 in Hochneukirch geboren und verbrachte auch hier seine ersten Lebensjahre. Der Vater war Betriebsschlosser bei der Firma J.A. Lindgens Erben und verstarb mit 43 Jahren. Nachdem er auf dem hiesigen evgl. Friedhof beerdigt worden war, zog Frau Emmerich mit ihrem Sohn nach Sachsen.

Später hat dann Curt Emmerich mit dem Medizinstudium begonnen und war als Schiffsarzt, Kassenarzt und Chirurg tätig. Auf vielen Fahrten und Reisen hat er die Menschen und die Welt kennen gelernt. Bereits im Jahre 1923 begann er zu schreiben und sich schriftstellerisch zu betätigen.

Diese Tätigkeit wurde durch den Krieg, wo er als Militärarzt seinen Dienst verrichtete, jäh unterbrochen. Aus dem großen Ringen glücklich heimgekehrt, nahm er seine Arztpraxis nicht mehr auf, sondern widmetet sich ganz der Schriftstellerei.

Es erschienen von ihm die Bücher:

  • "Die kleine Weltlaterne"

  • "Anarchie mit Liebe"

  • "Die unsichtbare Flagge"

  • "Frühe Stätten der Christenheit"

  • "An den Küsten des Lichts"

  • "Alexander oder die Verwandlung der Welt"

  • "Eines Menschen Zeit"

Alle seine Werke waren nationale und internationale Erfolge und sind in Millionenauflage erschienen. Unter dem Pseudonym "Peter Bamm" wurde Dr. Curt Emmerich in der ganzen Welt bekannt.

Als ihm von der ehemaligen Gemeinde Hochneukirch durch Bürgermeister Theo Hensen und Gemeindedirektor Hans Diekmann die Namespratonage für die neue Mehrzweckhalle angetragen wurde, lebte er in der Schweiz, wohin er sich nach dem Tode seiner Frau zurückgezogen hatte. Er starb am 30.03.1975, nur wenige Monate nach der Einweihung der nach ihm benannten Halle.

Er war der größte Sohn unseres Ortes und wir dürfen stolz darauf sein, dass er in Hochneukirch geboren wurde.

 

Ich habe im Internet eine Leseprobe von seinem Buch "Eines Menschen Zeit" gefunden:

*****

"Können Sie morgen in Hamburg sein? Am Freitag läuft Ihr Dampfer "Hindenburg" nach Shanghai aus!" - Der Zug ratterte durch die Nacht. Ich lag auf einer der Bänke, die sich an den Wänden des großen viereckigen Abteils entlangzogen. Im Halbschlaf gingen mir Namen durch den Sinn, die mich schon in früheren Jahren durch ihren Klang fasziniert hatten... Die Häfen - Suez, Singapore, Shanghai, Sydney! Wir polterten über eine lange Brücke, unter der gurgelnd gelbes Wasser dahinschoss. Kurz darauf konnte ich einen Blick auf den Hafen erhaschen - Wasserbecken, Quaimauern, Dückdalben, Pontons, Maste und Schornsteine, Schuppen und Kräne, Leichter, Barkassen und Möwen.

Auf der Reederei wurde ich mit großer Höflichkeit empfangen. Mein Vorgänger war krank geworden. Ich war willkommener Ersatz. Der Bestimmungshafen meines Schiffes warf Shanghai. Welche Häfen dazwischen angelaufen würden, wollte ich nicht fragen. Von meinen Chinesen hatte ich gelernt, welch wichtige Sache es sei, sein Gesicht nicht zu verlieren. Der Begrüßung folgte eine akademische Überraschung. Ich durfte mir drei goldene Streifen auf den linken Ärmel meines Anzugs heften. Die Christliche Seefahrt kennt Schiffsärzte erst seit dem 19. Jahrhundert. Aber von Anfang an wurden sie, was bei Armeen nicht unbedingt der Fall ist, respektvoll zu den Offizieren gerechnet. Ich bekam den Rang eines Ersten Offiziers. Das ist keine Kleinigkeit. Ein Seemann muss, diesen Rang zu erreichen, zwanzig Jahre lang die Planken treten. Und selbst dann noch braucht er, um so weit zu kommen, Glück. Die Ehre also war nicht gering. Zwar hatte der Schiffsarzt zum Rang eines Ersten Offiziers nur die Getränkekompetenzen eines Zweiten und die Heuer eines Dritten, aber die Ehre wurde dadurch nicht gemindert. Die drei goldenen Streifen, die ich von nun an am Ärmel trug, wirkten Wunder. Die Station, von der die Barkasse, die mich zu meinem Schiff bringen sollte, ablegte, hatte den liebenswürdigen Namen "Kehrwiederspitze". Pass- und Zollbeamte an der Baumwallbrücke grüßten nur höflich. Der Barkassenführer tippte an seine Sixpencemütze. Ein Matrose am Heck stand auf und bot mir seinen Platz an. Erst als ich den Barkassenführer fragte, an welcher Pier der "Hindenburg" liege, brach meine neue Pracht zusammen. Schon längst hatte er aus der Tatsache, dass ich zu meinen drei goldenen Streifen eine Brille trug, den Schluss gezogen, dass es sich hier um einen Schiffsarzt handeln müsse. Mit dem Lächeln des Kenners unterrichtete mich der alte Schiffer dahingehend, die Hindenburg liege am Schuppen 13. So erfuhr ich, dass sogar ein Feldmarschall gelegentlich ein Femininum sein kann. Freilich, warum Schiffe weiblich sind, habe ich nie herausfinden können.

Ich kletterte die ziemlich schmierige eiserne Treppe zum Quai hinauf. Mit gewaltigen Trossen vertäut lag vor mir mein Schiff. Es ragte hoch aus dem Wasser. Der Hauptteil der Ladung - Eisen aus dem Ruhrgebiet - sollte erst in Rotterdam übernommen werden. Ich stieg das Fallreep hinauf. Oben an der Reeling stand ein Wachmann, der mich nach meinem Begehr fragte. "Ich möchte, bitte, den Kapitän sprechen." Der Wachmann wies stumm auf eine kurze, steile Treppe, die ich hinaufstieg. Auf dem Bootsdeck stand ein Mann in Zivil, klein und gedrungen; doch fiel mir auf, wie gut er angezogen war. Er (Kapitän Fink aus Laboe- laut "Die unsichtbare Flagge") sah mich prüfend an. Ein Kapitän ist ein großer Herr. Die Verantwortung für das Schiff, seine Besatzung, seine Ladung liegt voll auf seinen Schultern. Auf hoher See ist er Gerichtsherr für Mannschaft und Passagiere. Die Schiffsbesatzung ist einer auf alter Überlieferung beruhenden strengen Disziplin unterworfen. Ich meldete mich als der neue Schiffsarzt. Die korrekte Form meiner Meldung mochte ihn vermuten lassen, dass der Umgang mit dem Neuen nicht allzu schwierig sein werde. Doch sah er mich nur ernst an und fragte kurz: "Doktor! Spielen Sie Skat?" "Jawohl, Herr Kapitän!" "Gut! Alles andere wird sich finden!" Dann fügte er hinzu: "Ihr Vorgänger war Ernster Bibelforscher!"

Es gibt wenige Dinge, die so zu Herzen gehen wie der Augenblick, in dem ein großes Stück unbeweglichen Eisens, das an der Pier vertäut ist, die Leinen loswirft und ein Schiff wird. "Muss i' denn, muss i' denn zu Städtele hinaus..." ist das Pflichtstück der Bordmusik. Niemals weint eine Frau mehr Tränen, als wenn sie der Schatz ist, der an der Pier zurückbleiben muss. Unendlich langsam löst sich das Schiff vom Land. Erst sind es zwischen Quaimauer und Bordwand nur ein oder zwei Meter Wasser. Der Abstand wird allmählich größer. Die Schlepper geben ihre Signale. Die Schiffsschraube setzt ein. Der Bug dreht sich in den Strom. Fahrt kommt auf. Die Schlepper werfen die Leinen los. Die Reise in die Welt beginnt. Nur der Lotse ist noch an Bord. Er ist die letzte Verbindung zum Land, der Briefträger der letzten Grüße vor der Reise in die Ferne.

Das Spektakel des Abschieds hatte ich mir von der Brücke aus angesehen. Nun liefen wir mit der Tide die Elbe hinunter. In Blankenese wohnten Freunde von mir, in einem schönen alten, in englischem Stil erbauten Landhaus, dessen Park bis zur Elbe herunter reichte. Als wir vorbeiliefen, dippte die Dame des Hauses die Flagge. Der Kapitän, erfreut von diesem Gruß, gab Befehl: "Dreimal lang mit beiden Flöten!" Gewaltig dröhnten die Sirenen des Schiffes durch die stille Landschaft. Dreimal senkte sich am Heck auch unsere Flagge. Mit jedem Male hob sich mein Ansehen um ein weniges.

Kurz vor Cuxhaven wurde ich zu einem jungen Matrosen gerufen. Er hatte eine akute Blinddarmentzündung. Ich meldete dem Kapitän, dass der Mann zur Operation an Land gebracht werden müsse. Das war keine leichte Forderung. Es bedeutete den Ausfall einer Arbeitskraft für die ganze, mehrere Monate währende Reise. Aber diese Verantwortung hatte ich alleine zu tragen. Erst als wir, via Norddeich, erfuhren, dass der Patient sofort operiert worden war, konnte ich aufatmen. Natürlich hatte ich den Kapitän in Verdacht, dass er sich funkentelegraphisch erkundigt habe. Er verriet sich auf die liebenswürdigste Weise von der Welt. Nach dem Eintreffen der Antwort aus Cuxhaven lud er mich zu einem guten irischen Whiskey ein.

In Rotterdam warf mich der Kapitän, ziemlich früh am Morgen schon, aus der Koje. "Doktor! Wir gehen an Land!" Wir lagen in Rijnhaven vor Anker. Die Barkasse setzte uns über. Wir fuhren zum Bahnhof und bestiegen einen Zug. Ich fragte, wohin es gehen. "Nach Den Haag!" So nahm ich an, er wolle im "Royal", dem berühmtesten Austernlokal der Welt, holländische Impérials essen. Aber dem war nicht so. Wir fuhren zum Mauritshuis. Der Kapitän stieg ohne Verzug die breite Treppe zum Schlösschen des Prinzen Maurits van Oranje hinauf. Zielsicher und in flottem Tempo schritt er durch die Säle, mit einer Geste auf einen Frans Hals, auf den einen oder anderen van Dyck, auf den Hondecouter hinweisend. All diese Herrlichkeiten schien er zu kennen. Ich war voller Respekt.

In einem der hinteren Säle blieb er vor einem großen Gemälde stehen. Es war die Silhouette einer alten Stadt unter dem Himmel Hollands, Johannes Vermeers "Gezicht op Delft", das einzige Landschaftsbild, das es von diesem Meister gibt. Sollte man die zehn schönsten Bilder der abendländischen Malerei angeben, müsste man dieses wohl mit nennen. In seinem lustigen holsteinischen Platt forderte der Kapitän mich auf, mir das Bild genau anzusehen. "Und nu', Doktor, sech' mi mol, warum dee Schinken eene Milljon Gulden wert is'!"

Das war nun ein Seemann, der sich vom Schiffsjungen über den Vollmatrosen zum Kapitän hinaufgedient hatte - sieben Jahre "vorm Mast gefahren", siebenmal "Kap Hoorn gesailt" -, ein Mann, der Welt, Menschen und Vanmeer kannte. Ich war für ihn ein gelehrter Herr. Aber der gelehrte Herr konnte ihm seine Frage nicht beantworten. Seitdem habe ich diese Frage jedem Kunsthistoriker, den ich stellen konnte, vorgelegt. Keiner hatte eine Antwort zur Hand, die einem welterfahrenen Kapitän hätte einleuchten können.

Wir haben nicht im "Royal" Austern von Silbertellern gegessen, sondern auf dem Schiedamschen Deich in Rotterdam frisch geräucherten Aal aus der Faust. Der Schiedamsche Deich in Rotterdam gehörte zu den in vielen Shanties besungenen Seemannsboulevards, wie die Sestiere di Prè in Genua, die Reeperbahn in Hamburg, das Yoshiwara in Yokohama, diese Ankerplätze der Daseinsfreude, deren fröhlicher Lärm nur in den Erinnerungen alter Fahrensleute noch lebendig ist.

Die "Hindenburg" verließ Rotterdam am Nachmittag. Die See war ruhig. Die flache Küste mit ihren gelben Dünen verschwand. Der Himmel übte seine uralten Variationen über das Thema Wolken. Er wirkte höher und weiter, als ich es je erlebt hatte. Sein feines helles Blau leuchtete in seidigem Glanz. Himmel und Wasser - der erste Tag der Schöpfung! Jahrhunderte hindurch haben flämische und holländische Maler die Weite dieses Himmels mit seinen Wolken in immer neuen Variationen auf die Leinwand gebannt. "Eine feine achterliche Brise" hob den Fahrtwind beinahe auf. Seeleute habe ihre eigene Sprache. Schon den Eintritt in diesen unbekannten Bereich war eine köstliche Erfahrung. Die Schiffer aller Küsten der Nordsee - Schotten, Briten, Flamen, Holländer, Friesen, Holsteiner, Dänen - können sich miteinander verständigen. Die verschiedenen Formen ihres Platt haben eine gemeinsame Wurzel. Die Fachausdrücke, meistens aus dem Englischen stammend, sind dieselben. Diese Sprache der Nordsee nannte mein Kapitän Herings-Pidgin.

Wir passierten den Kalkfelsen von Dover. An dieser schmalsten Stelle des Kanals waren wir noch in Gesellschaft von einem guten Dutzend anderer Schiffe. Dann verloren wir die der Nordatlantikroute aus den Augen. Bei der Insel Ouessant, beim letzten Leuchtturm auf der französischen Seite des Kanals, verschwanden die Südamerikaschiffe, und schließlich waren wir im Golf von Biskaya allein.

Auf der Brücke der "Hindenburg" konnte ich als Schüler des Konfuzius in der fünfundsiebzigsten Generation feststellen: "Das Meer ist groß". Sehr viel weiter als zwölf Meilen kann man ein auf gleichem Kurs liegendes Schiff nicht sehen. Es verschwindet hinter der Kimm, dem durch die Krümmung der Erdoberfläche entstehenden Horizont. So konnte man sich, damals noch, auf offener See sehr viel leichter verstecken als in einem dichten Wald. Für kampfenschlossene Kriegsflotten war es, bevor es eine Luftaufklärung gab, immer eine der schwierigsten Aufgaben, einander zu finden, Seeräuber hätten heute keine Chance mehr. Man darf nicht vergessen, wie lange es in alten Zeiten dauerte, bis eine Nachricht übermittelt war. Wenn die Lords der Admiralität in London auf dem Landwege erfuhren, dass Napoleons Flotte in den Hafen von Cadiz eingelaufen sei, wusste das der englische Flottenkommandant im Atlantik noch lange nicht.

Das Wetter blieb gut. Von Steuerbord, vom offenen Ozean her, rollte eine mächtige Dünung heran. Bei jedem der unter dem Schiff dahinrauschenden Wasserberge hatte die Mastspitze einen Ausschlag von acht Metern nach jeder Seite - bei schönem Wetter! Man lehrte mich den Unterschied zwischen Dünung und Seegang, und was Schlingern heißt, eine Sache, die, zum Beispiel nach "Genever zu dem Gilka mit Rum in den Sekt" auch an Land vorkommt, und was Stampfen und Rollen bedeutet, eine Sache, die nur Schiffen zustößt. Entlang der Iberischen Halbinsel ging es nach Süden. Bei Kap San Vicente, an der Südwestecke Portugals, nahmen wir Kurs auf Gibraltar.

Wir fuhren den Säulen des Herakles entgegen! So würde ich also von Westen her ins Mittelmeer einfahren. Das war eine merkwürdige Sache. Im östlichen Becken des Mittelmeers ist Europas Kultur entstanden. Von da aus breitete sie sich nach Westen aus. So stehen die Anfänge unseres geschichtlichen Denkens unter ost-westlichen Aspekten. Die Säulen, welche Herakles an der Meerenge zwischen Europa und Afrika errichtete, wurden zur Grenze der antiken Welt. Die Griechen haben diese Grenze nie überschritten. In den großen Zeiten ihrer Kolonisation war das westliche Mittelmeer von Phoinikern beherrscht. Nur von Massilia, dem späteren Marseille, aus sind die Griechen, allerdings über Land, zum Atlantik vorgedrungen. Das war in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts vor Christi Geburt. So entdeckte Pytheas von Massilia an der Küste des Atlantik das Phaenomen von Ebbe und Flut zur gleichen Zeit wie Alexander der Große im Mündungsdelta des Indus an der Küste des Indischen Ozeans. Auch die Römer haben sich, als das Mittelmeer längst schon ihr Mare nostrum geworden war, zur See über die Säulen des Herakles nach Westen nur selten hinausgewagt. Nach Nordeuropa sind sie über Gallien gelangt. Die ersten, die über die Säulen des Herakles nach Westen vordrangen, waren, vierhundert Jahre vor der Gründung Roms, siebenhundert Jahre vor der Gründung Karthagos, einige kühne Seefahrer aus Tyros an der Küste des Libanon. Zwei Generationen nach dem Ende des Trojanischen Krieges, als Agamemnons Palast in Mykenai schon in Flammen aufgegangen war, gründeten sie an der Atlantikküste eine Stadt, die es nach dreitausend Jahren bewegten Schicksals noch heute gibt. Diese Stadt ist Cadiz. Sie liegt an der Mündung des Guadalquivir, ungefähr achtzig Kilometer nordwestlich des Felsens von Gibraltar.

Cadiz war für die Phoiniker der Hafen für den Handel mit dem Silber Spaniens, dem Zinn aus Irland und Cornwall, dem Bernstein des Nordens. Von ihnen hat schon, wie die Bibel Hesekiel 27,12 berichtet, König Salomo sein Zinn bezogen. Das war so etwa um die Jahrtausendwende. Die Quellen des Monopols hielten die Phoiniker über die Zeiten hin geheim. Als einmal, später, ein römisches Schiff einem phoinikischen zu folgen versuchte, um herauszufinden, wohin es, da Zinn zu holen, fahre, und der Kapitän den Verfolger nicht abzuschütteln vermochte, setzte er kurz entschlossen sein Schiff auf Strand und kehrte auf dem Landweg nach dem Mittelmeer zurück. Den Wert seines Schiffes ließ er sich von Senat der Stadt Karthago ersetzen!

Cadiz war der Waffenplatz Hannibals. Es war der Hafen, von dem aus Kolumbus zwei seiner Fahrten nach Amerika antrat. In diesem Hafen löschten die spanischen Schiffe die Schätze, die sie den Indios in der Neuen Welt geraubt hatten. Es waren eine Zeitlang alljährlich Werte von Millionen. Im 17. und 18. Jahrhundert war Cadiz die reichste Stadt Europas, reicher noch als London, reicher sogar als Venedig.

Ich kletterte auf die Brücke hinauf. Cadiz mussten wir querab Backbord gerade passiert haben. Wache hatte der Erste Offizier. Von Anfang an war er zu mir wie ein älterer Bruder, der mit leisen Winken meine Unerfahrenheit vor Unheil bewahrte. Während ich neben ihm stehend, auf die See hinaussah, ahnte ich nicht, dass er im Begriff stand, mich zu lehren, was Interpretation geschichtlicher Kenntnisse sei. Der Kompass war die Mitte seiner Welt. So war ich neugierig, von ihm zu hören, was er über die Windrose meiner historischen Aspekte dächte. Ich überlegte, auf welche Weise ich mit meinen Fragen beginnen könnte. Mit Schiffsoffizieren muss man vorsichtig sein. Wäre ich, zum Exempel, der Schiffsarzt der "Loch Etive" gewesen, die unter dem berühmten Clipperkapitän William Stuard of Peterhead 1880 von England nach Sydney auslief, hätte ich mich auf der Brücke zuweilen mit dem Dritten Offizier unterhalten. Korzeniowski war sein Name. Ich hätte mich gewundert, wie gut er über slawische Literatur Bescheid wusste. Auch sprach er ein exzellentes Französisch, was für einen englischen Seemann mindestens ungewöhnlich ist. Zehn Jahre später hätte ich dann erfahren, dass es Joseph Conrad war, mit dem man sich so gut unterhalten konnte.

In unserer Position hatte ich mich geirrt. Cadiz hatten wir schon hinter uns. Mit einem Lächeln, dessen Ironie ich zunächst nicht durchschaute, reichte mir der Erste sein Fernglas. "Können Sie da, Backbord querab, am Horizont etwas ausmachen?" Nach längerem Suchen entdeckte ich im feinen Dunst eine Kontur. "Richtig! Wissen Sie, was das ist?" "Keine Ahnung!" "Wenn Sie ganz genau hinsehen, müssten Sie eine Flotte großer Kriegsschiffe unter Segeln im Glas haben!" Ich nahm wieder das Glas. Doch er klopfte mir freundlich auf die Schulter. "Den Admiral dieser Flotte können Sie in London auf einer Säule stehen sehen. Was sie da erkennen können, ist Kap Trafalgar."

Für einen Seemann ist es eine schwer begreifliche Tatsache, dass auch geschichtlich und geographisch wohlinformierte Leute zwar die Namen der berühmten Seeschlachten kennen, aber nicht wissen, wo sie stattgefunden haben. Wo liegt Aigospotamoi, der Ziegenfluss, an dem der Peloponnesiche Krieg entschieden wurde? Wo liegt Navarino, die Bucht, in der der Kampf um die Freiheit Griechenlands die Großmächte den ersten Sieg über die Türken errangen? Ich hatte in Geographie immer eine Eins gehabt, aber ich wusste nicht, dass die Seeschlacht von Trafalgar vor den Säulen des Herakles ausgetragen worden war.

"Sicherlich kann Nelson nicht genug bewundert werden. Trafalgar war der Anfang von Napoleons Untergang." "Nein! - Zu diesem Zeitpunkt war sein Schicksal schon entschieden. Von der Auseinandersetzung zwischen Napoleon und England war Trafalgar nur der Abschluss. Es war gewiss ein glänzendes Finale. Aber selbst wenn Nelson diese Schlacht verloren hätte, Napoleon hatte verloren, bevor der erste Schuss gefallen war." "1805? Da fing doch sein Aufstieg gerade erst an!"

Nie werde ich das faszinierende Kolleg vergessen, das mir der listige Kenner maritimer Strategie hielt, während wir, in Lee die Stadt Cadiz, in deren Hafen die französische Flotte unter dem Befehl des Admirals Villeneuve gelegen hatte, auf Kap Trafalgar zuhielten, das ihrem Untergang den Namen gab. Napoleon war militärisch ein kontinentaler Denker. So eifrig auch immer er historische Studien betrieben hat, ihm ist entgangen, dass in der Weltgeschichte noch niemals eine Landmacht eine Seemacht besiegt hat. Alexander hatte die Landmacht Persien besiegt. Persiens Seemacht waren griechische Schiffsflotten, die Alexander durch seine Landstrategie zwang, die Perser zu verlassen und sich ihm anzuschließen. Auch die Römer sind mit den Karthagern erst fertig geworden, nachdem sie selber eine Seemacht geworden waren.

"Aber Napoleon hat doch sofort den Kampf gegen England aufgenommen. Was war sein Fehler?" Napoleon ist sich von Anfang an darüber klar gewesen, dass England eine französische Diktatur über Europa niemals dulden werde. Er hatte sogar begriffen, dass er mit der Ausschaltung Englands anfangen müsse. Dass er aber, nachdem ihm das im ersten Ansturm nicht gelungen war, glaubte, diese Auseinandersetzung verschieben zu können, das war der Fehler. Er selbst hat ihn eingesehen - bei Waterloo! Alles, was dazwischenliegt, ist eine Kette militärischer Torheiten von allerdings gigantischem Ausmaß. "Und was bedeutet Trafalgar?" Es war das Jahr 1805. Der Korse hatte sich seinen kontinentalen Plänen zugewandt. Die Auseinandersetzung mit Österreich stand dicht bevor. Die französische Flotte, die sich in Westindien versammelt hatte, war für den Atlantik ohne Wert. Sie wurde nach Europa zurückbeordert. Sie erreichte den Hafen von Cadiz. Nelson beschränkte sich darauf, ihre Bewegungen zu überwachen. Wenig später befahl Napoleon die in Cadiz liegenden Schiffe ins Mittelmeer. Österreich war damals noch eine Seemacht. Die Engländer hätten es sich leisten können, gelassen die ganze französische Flotte von Cadiz ins Mittelmeer segeln zu lassen, ohne sie anzugreifen. Der Krieg im Atlantik wäre zu Ende gewesen. Eine akute Gefahr für die englische Seeherrschaft hätte nicht mehr bestanden. Aber es war natürlich praktischer, die feindliche Flotte zu vernichten. Das geschah bei Trafalgar. Eine Notwendigkeit dafür bestand nicht mehr. Nach einer Weile fügte der Kombattant vom Skagerrak nachdenklich hinzu: "Heute wäre die Admiralität wahrscheinlich weise genug, auf das Spektakel von Trafalgar zu verzichten."

Dass eine der berühmtesten Seeschlachten der Weltgeschichte überflüssig gewesen war, machte einen tiefen Eindruck auf mich. So habe ich das Palaver auf der Kommandobrücke der "Hindenburg" nie vergessen. Nur siebzehn Jahre nach diesem luciden Kolleg über die Bedingungen des maritimen Krieges fasste erneut ein Diktator den Plan, England zu erobern. Man betrachtet es gemeinhin als ein Unglück, dass der Mensch aus der Geschichte nichts lerne. Welch ein Glück, dass wenigstens dieser Diktator aus der Geschichte nichts gelernt hatte!

Wir passierten Gibraltar. Der Name ist entstanden aus Jebel el-Tarik, Fels des Tarik. Tarik war der berberische Feldherr, der im Jahr 711 bei Bibraltar von Afrika nach Europa übersetzte. Bei Jerez de la Frontera, da unweit Cadiz liegt, besiegte er die Westgoten unter ihrem König Roderich. Siebentausend gläubige Moslime genügten, Spanien zu erobern. Von Westen her ist der Islam bis zur Loire vorgestoßen. Im Osten haben die Türken die Grüne Fahne des Propheten bis vor die Mauern Wiens getragen. Mit ihrer Flotte sind sie bis vor Malta gelangt. Ein Wunder, dass es ein christliches Europa überhaupt noch gibt.

Die Straße von Gibraltar hat lange Zeit hindurch den Geographen ein Rätsel aufgegeben. Durch die zwischen dreizehn und zwanzig Kilometer breite Meerenge fließt ein Strom mit einer Geschwindigkeit von etwa sechzig Metern in der Minute aus dem Atlantik ins Mittelmeer. Man hat nie recht gewusst, wo dieses Wasser bleibt. Um zu verdunsten, war es zu viel. Das Rätsel löste sich, als man entdeckte, dass am Boden der bis neunhundertfünfzig Meter tiefen Meeresschlucht ein Gegenstrom aus dem Mittelmeer in den Atlantik fließt. Er gleicht den Überschuss des Oberflächenstromes wieder aus. Im Zweiten Weltkrieg haben sich die deutschen U-Boote, um die Horchgeräte der Engländer unbemerkt zu passieren, mit ausgeschalteten Maschinen in beiden Richtungen durch die Straße von Gibralta treiben lassen. Die U-Boote haben das Mittelmeer nicht erobert. Erobert haben es ein paar Jahre später die Haifische, die es früher in diesen Gewässern nicht gab. Jedem großen Ozeandampfer folgt ein Rudel von Haifischen, die von den Abfällen des Schiffes ein wunderbares Leben führen. Früher, als man noch grausam war, wurde vor der Einfahrt in die Straße von Gibraltar den Haífischen vergiftetes Futter zugeworfen. Seitdem mitleidige Frauenherzen erreicht haben, dass die Haie nicht mehr eines so schändlichen Todes sterben müssen, schwimmen sie mit den Schiffen ins Mittelmeer ein und fressen nun von Zeit zu Zeit einen nicht vergifteten Badegast.

Seit 1704 ist Gibraltar englische Kronkolonie. Alle Versuche, den Engländern diesen Felsen wieder abzunehmen, sind gescheitert. Sogar deutsche Soldaten haben, als die Churfürsten von Hannover Könige von England waren, an der Verteidigung teilgenommen. Die Goslarer Jäger trugen als historische Erinnerung an dieses mediterane Kommando einen Ärmelstreifen mit der Aufschrift "Gibraltar".

Der Felsen von Gibraltar ist von Affen bevölkert. Eine Legende sagt, dass, solange sie dort leben, der Felsen englisch bleiben wird. Die Gelehrten sind hinsichtlich der Affen in zwei wissenschaftliche Schulen gespalten. Die einen sagen, die Affen von Gibraltar seien die letzten in Europa frei lebenden Primaten. Die anderen dagegen behaupten, jüngere Verwandte von ihnen bevölkerten, in Nationen geteilt, den Rest Europas. Allerdings leben sie nicht alle in Freiheit.

Während wir durch das westliche Mittelmeer auf Malta zuliefen, machten meinen Bemühungen, ein vollwertiges Mitglied der Besatzung zu werden, Fortschritte. Ein Vorteil für mich war, dass mir in den verschiedenen Berufen, die ich als Werkstudent ausgeübt hatte, die Vorurteile meiner Klasse abhanden gekommen waren. Als Nachtwächter auf der Motzstraße in Berlin hatte ich gelernt, dass Straßenmädchen gutherzig sind. Vor einer russischen Bar, die zu meinem engeren Bereich gehörte, stand ein Bettler, der vor jedem, der die Bar verließ, seinen alten Schlapphut zog. Warf man einen Schein hinein, bedankte sich der bärtige Alte mit wunderbar rollendem Rrr: "Gott segne Eur'r Hochwohlgeboren!" An Tagen, an denen er nichts verdiente, brachten ihm die Damen der Nacht Schokolade, Zigaretten und manchmal eine polnische Brühwurst. Diese Erfahrung hat mich für immer davor bewahrt, mir Meinungen zu bilden, die nicht auf Erfahrung beruhen.

Während wir Malta passierten, gewann ich an Bord einen zweiten Freund. Freilich, es war ein umständlicher und schwieriger Weg, ehe es dazu kam. Ich brauchte eine salzarme Diät. Wenn man erwägt, dass Schiffsbesatzungen Jahrhunderte lang von Pökelfleisch und Salzheringen gelebt haben, kann man sich vorstellen, was ein alter Segelschiffskoch, dessen Labskaus in allen Häfen des Fernen Ostens berühmt war, sich gedacht hat, als so ein Studierter daherkam und etwas so Unwahrscheinliches wie salzloses Essen verlangte.

Der Patient war einer der jüngeren Offiziere. Es gibt nur wenige Fälle in meiner medizinischen Erfahrung, an die ich mit so viel Vergnügen denke, wie an diesen Vierten Offizier. Unsere Kabinen lagen nebeneinander. Er hatte Wache nach der Hundswache zu gehen. Jeden Morgen eine Viertelstunde vor vier Uhr hörte ich, wie der Steward an seine Tür donnerte, ihn zum Dienst zu wecken. Diesem meinem Kabinennachbarn verdanke ich, dass ich den Jebel Mousa, den Berg, auf dem Moses die Zehn Gebote empfing, von der aufgehenden Sonne umstrahlt, am Horizont habe leuchten sehen.

Mir war an diesem Manne aufgefallen, dass er nie einen Tropfen Alkohol trank. Noch mehr fiel mir auf, dass niemals jemand eine spöttische Bemerkung darüber machte. Neugierig fragte ich ihn einmal nach dieser Sache. Gelassen erklärte er, dass er ein Säufer sei, aber nur an Land trinke. An Bord bleibe er dem Alkohol fern. Ob ihm das leichtfalle? Er sah mich an und schwieg mit einem Blick von abgrundtiefer Traurigkeit. Da steckte also noch etwas dahinter. Ich fand heraus, dass er an einer schweren Migräne litt, die immer dann einsetzte, wenn er morgens um dreiviertel vier Uhr aus seinem guten Schlaf geweckt wurde. Später einmal erzählte er mir, dass er schon den Gedanken erwogen hatte, diesem jahrelangen Elend gewaltsam ein Ende zu bereiten. Da hatte ich nun einen Beruf erlernt, zu dessen Aufgaben es gehörte, Kranken zu helfen, um dann jeden Morgen, wenn der Arme mit seiner Migräne auf die Brücke zog, weiterzuschlafen. Nun haben freundliche Götter mir eine gewisse Begabung für die Kunst des Massierens auf meinen therapeutischen Lebensweg mitgegeben. Ich stellte also den Steward ab, stand jeden Morgen um halb vier Uhr auf und schlich zu meinem Nachbarn hinüber, ihn durch leichte Kopfmassage ins harte Leben zu rufen. Die Methode führte zum Erfolg. Nach drei Wochen verschwand die Migräne. Zur Unterstützung der Therapie hatte ich salzarme Diät verordnet. Das war ein schwieriges Stück Arbeit gewesen. Bevor es Schiffsärzte gab, waren an Bord die Schiffsköche diejenigen, die am meisten von der Medizin verstanden. So zog ich ihn ins Vertrauen und bat ihn, diese ganze Sache mit dem Siegel ärztlichen Schweigens zu belegen. Indem ich so seine medizinische Gleichberechtigung anerkannte, gewann ich ihn. Nachdem wir Erfolg gehabt hatten, ließ er mich, wann immer das war, niemals mehr an seiner Kabine vorbei, ohne dass ich einen Drink mit ihm nehmen musste. Als ich einmal morgens um fünf Uhr ihm klarzumachen versuchte, dass ein Wasserglas Genever um diese Zeit noch nicht bekömmlich sein, gab er mir in schönstem Herings-Pidgin zur Antwort: "Doctor! A little drink in the morning time is better than'n ganzen Tag gor kein'n."

Der therapeutische Erfolg hatte ein Nachspiel. Als wir nach der Fahrt um die halbe Welt wieder in Hamburg eingelaufen waren, fuhren der Vierte und ich zufällig gemeinsam an Land. An der Kehrwiederspitze stiegen wir aus und gingen zum Baumwall über die Brücke, die unmittelbar vor der berühmten Kapitänskneipe "Old Commercial Room" endete. Der Vierte lud mich zu einem Drink ein. Dann trennten wir uns. Ich übernachtete in einem kleinen Hotel ganz in der Nähe. Als ich am nächsten Morgen wieder im "Old Commercial Room" saß, wo man einen großartigen holsteinischen Katenschinken bekam, kam ein junger Mann herein, sah sich um, kam auf mich, der ich der einzige Gast war, zu und fragte, ob ich der Schiffsarzt der "Hindenburg" sein. Ein Offizier sitze in der Herbertstraße. Sein Geld sei zu Ende, und ich möchte ihn bitte auslösen.

Der Wackere hatte seine ganze Heuer in dieser einen Nacht am Schaarmarkt und auf der Reeperbahn verjubelt. Was er noch schuldig war, übernahm ich. Die Migräne war, zu unserer beider Freude, nicht wiedergekommen. So begab er sich, gut gelaunt, zu seinen lieben Eltern nach Övelgönne. Natürlich rechnete ich keinen Augenblick damit, mein Geld je wiederzusehen. Ein Jahr später, nachdem mein Patient unterdessen noch zweimal in Shanghai gewesen war, hatte er meine Adresse ausfindig gemacht und zahlte seine Schulden auf Heller und Pfennig zurück...

Soweit der Ausschnitt aus dem Buchtext.

 

 
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